Landgericht Gießen: Junge Afghanin erzählt von angeblicher Entführung durch Landsmann

Landgericht Gießen: Junge Afghanin erzählt von angeblicher Entführung durch Landsmann

GIESSEN – (jmo). Mehr als sechs Stunden lang schilderte eine 20-jährige Afghanin vor der Jugendkammer des Landgerichts Gießen ihr Martyrium. “Es war wie ein Film”, ließ die zierliche Frau von einem Dolmetscher übersetzen. Sie soll von einem 31-jährigen Landsmann entführt und mit einem Messer verletzt worden sein – weil sie seiner Ehefrau zur Trennung riet. Doch der Verteidiger des Angeklagten zweifelt nicht nur die Tat, sondern die gesamte Identität der Nebenklägerin an. Laut seiner Recherchen soll sie für den afghanischen Kommandodienst tätig sein und den Auftrag haben, den angeklagten Journalisten auszuschalten.

Ein ganzes Konvolut an Straftaten wird dem Angeklagten zur Last gelegt. Neben Geiselnahme muss er sich unter anderem auch wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung verantworten. Ihm droht eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren. Ein ebenfalls in Afghanistan geborener 45-Jähriger ist außerdem wegen Beihilfe zur Geiselnahme angeklagt. Der Haupttäter soll ihm dafür 3000 Euro versprochen haben. Die beiden Angeklagten schwiegen zu den Vorwürfen. Das Verfahren gegen einen dritten Tatbeteiligten, einen zum Tatzeitpunkt 20-jährigen Afghanen, wurde abgetrennt. Der zuletzt in einer Gießener Asylunterkunft lebende Mann erschien nicht zur Verhandlung

Dolmetscherin verlangt

Diese startete etwas holprig, weil das Opfer, das als Nebenklägerin auftrat, plötzlich einen Dolmetscher verlangte. “Ich schätze nicht, dass sie wirklich einen braucht”, gab Rechtsanwalt Carsten Marx, Verteidiger des wegen Beihilfe Angeklagten, zu Bedenken. Eine Übersetzung gebe den Befragten immer zusätzlich Zeit, ihre Aussage zu überdenken. Der ohnehin anwesende Dolmetscher übersetzte schließlich, dass die seit Mai 2016 in Deutschland lebende Frau hier Kontakt zu der Frau des Angeklagten aufgenommen habe, da man sich bereits aus Afghanistan kannte. Diese erzählte ihr, dass sie von ihrem Ehemann geschlagen werde. Nach weiteren Eskalationen wurde die misshandelte Ehefrau des Angeklagten in einem Frauenhaus untergebracht. Der Hauptangeklagte machte die 20-Jährige für die Trennung verantwortlich. Bei einem Treffen vor einem Supermarkt in Oberursel soll er seine Landsmännin gezwungen haben, mit ihm in ein Auto zu steigen, in dem der Mitangeklagte schon wartete. Dieser steuerte dann die Wohnung des Haupttäters an.

Ausschweifend erzählte die Zeugin, wie man in der Wohnung des Angeklagten gemeinsam mit dessen Mutter und Kindern noch gegessen habe, bevor sie nach Gießen in die Wohnung des zweiten Angeklagten gefahren wurde. Auf Nachfrage berichtete sie, dass sie sich dort zu dem Angeklagten ins Bett legen musste, er sie küsste und ihr an die Brust und in den Schritt fasste. Die ganze Zeit über soll er ein Messer in der Hand gehalten und ihr gedroht haben, erst sie und dann sich selbst zu töten. Schließlich habe er eine Stichbewegung ausgeführt, die sie mit der Hand abwehren konnte, sich dabei aber leicht verletzte. Als “Alternativlösung” habe er sie zur Hochzeit zwingen und in die Türkei verschleppen wollen. Nach 16 Stunden gelang es der Frau, heimlich ihre Tante zu verständigen. Der Angeklagte wurde von der Polizei gestellt.

Bereits einige Wochen zuvor war die Zeugin schon einmal von dem Angeklagten entführt worden. Warum sie sich trotzdem wieder mit dem Mann traf und dafür sogar aus einem Frauenhaus ausbrach, konnte die junge Frau auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht beantworten. Auch warum sie keine Fluchtversuche unternahm, blieb unbeantwortet. Immer wieder schilderte die Afghanin, wie viel sie geweint und welch große Angst sie vor “dem Taliban-Anhänger” gehabt habe. Ihre Aussage klang angesichts dessen allerdings sehr emotionslos.

Zweifel an Tat

“Wer sind Sie und wo ist Ihr Pass?”, fragte Dr. Dr. Seyed Shahram Iranbomy, der Verteidiger des Angeklagten. Er zweifelte nicht nur am Alter der Frau, sondern verwies auch auf ihre familiären Kontakte zum afghanischen Staatsschutz. Tatsächlich hatte die Afghanin, die vom olympischen Komitee nach Deutschland geschickt worden sein will, bei ihrer Einreise zunächst ein falsches Alter angegeben. In ihrer Befragung kristallisierte sich außerdem heraus, dass sie Einsicht in das Protokoll ihrer Polizeivernehmung hatte. Die Verteidigung warf ihr vor, sich auf die Aussage vor Gericht vorbereitet zu haben. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

Link: Giessener Anzeiger